Der Mauerfall

Die friedliche Revolution in der DDR fand ihren Höhepunkt in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. Nachdem Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz am 9. November das Inkrafttreten einer neuen Reiseregelung verkündete, stürmten tausende Ost-Berliner noch in der Nacht die Mauer und drängten nach West-Berlin.

„Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.“ So die Worte des Generalsekretärs Erich Honecker am 19. Januar 1989 auf einer Tagung des Thomas-Müntzer-Komitees in Berlin.

"Aktuelle Kamera" vom 10.11.1989, Brandenburger Tor um 14.00 Uhr

Wohl niemand ahnte, dass der „antifaschistische Schutzwall“, wie die Mauer von der SED-Führung genannt wurde, schon ein knappes Jahr später nicht mehr bestehen würde. Die Anzeichen für eine Umwälzung waren in den folgenden Monaten jedoch unübersehbar. Große Empörung bei vielen DDR-Bürgern riefen die Wahlfälschungen der SED bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 hervor. Kurz darauf setzte eine anhaltende Fluchtbewegung von DDR-Bürgern über die ungarische Grenze ein. In Budapest, Prag und Warschau wurden die bundesdeutschen Botschaften besetzt; die Zahl der Ausreiseanträge stieg bis Ende Oktober drastisch an. Oppositionelle Gruppierungen beantragten erfolglos ihre Zulassung. Am 18. September kam es in Leipzig zu einer ersten großen Demonstration, auf der freie Wahlen, Reisefreiheit und Versammlungsfreiheit gefordert wurden. Von nun an fand die „Montagsdemonstration“ jede Woche in Leipzig statt. Seit Oktober griffen die Proteste auf Berlin und andere Städte wie Halle, Magdeburg, Dresden und Erfurt über.


Wachsende Unstimmigkeiten im Politbüro führten am 18. Oktober zur offiziellen Entbindung Erich Honeckers von sämtlichen Funktionen. Egon Krenz wurde neuer Generalsekretär. Auf seiner Antrittsrede verkündete Krenz einen neuen politischen Kurs und einen Gesetzentwurf für eine neue Reiseregelung. In einer Fernseh- und Rundfunkansprache am 3. November bekräftigte er den Erneuerungswillen der SED: „Wir gehen nach vorn, unaufhaltsam. (…) Ein Zurück gibt es nicht.“ Hier nannte er auch die Namen mehrerer SED-Politiker, die sich von ihren Ämtern bereits entbinden ließen.


"Aktuelle Kamera" vom 09.11.1989, Pressekonferenz mit Günter Schabowski

Am 4. November kam es auf dem Berliner Alexanderplatz zur größten (und genehmigten) Demonstration der Geschichte der DDR. Die Demonstranten forderten Presse-, Reise-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Am Abend wurde im Fernsehen der lange geforderte Entwurf eines neuen Reisegesetzes verkündet: DDR-Bürgern sei es ab sofort erlaubt, über die bundesdeutsche Botschaft in Prag in die BRD auszureisen. Allerdings war die Regelung mit Beschränkungen verbunden, so dass sie vielerorts zu Ablehnung führte. Am 8. November, einen Tag nachdem die Regierung der DDR geschlossen zurückgetreten war, begann eine dreitägige Tagung des SED-Zentralkomitees. In einem ersten Schritt wurde ein neues Politbüro gewählt. Am 9. November arbeitete eine Arbeitsgruppe des Innenministeriums eine neue Reiseregelung aus. Die Sperrfrist für die Bekanntgabe der Regelung wurde auf den 10. November 4.00 Uhr morgens festgesetzt. Am Abend des 9. November fand im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße eine Pressekonferenz mit Günter Schabowski statt, auf der er die Ergebnisse der Tagung des Zentralkomitees der SED verkündete:

 

"Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen."

 

Als ein Journalist fragte, ab wann die Regelung in Kraft träte, blätterte Schabowski in den Unterlagen, las die Regelung vor, übersah den Sperrfristvermerk und antwortete: „Das tritt nach meiner Kenntnis…ist das sofort, unverzüglich.“

Die Westmedien verdichteten seine Antwort anschließend auf die Aussage, dass die Grenze nach Westberlin und zur Bundesrepublik ab sofort offen sei. Laut der Verlese der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" um 19.30 Uhr und um 22.00 Uhr trat die neue Reiseregelung ebenfalls "ab sofort" in Kraft. Von einer Grenzöffnung war jedoch nicht die Rede.

 

Nach der Pressekonferenz erschienen um 20.15 Uhr die ersten Passanten an den Grenzübergangsstellen in Berlin und forderten, durchgelassen zu werden. Ohne Erfolg versuchten die Grenzkontrolleure, die anschwellende Menschenmenge zur Rückkehr zu überreden. Um 21.00 Uhr begannen die Kontrolleure am Übergang Bornholmer Straße mit der Abfertigung lediglich einiger Passanten, doch dies steigerte die Ungeduld der noch wartenden Menschen. Um 23.30 Uhr konnten die Grenzkontrolleure den Ansturm nicht mehr halten. Der diensthabende Offizier meldete: „Wir fluten jetzt! Wir machen alles auf!“ Der Schlagbaum öffnete sich und zehntausende Menschen drängten nach Westberlin.


Am Grenzübergang Sonnenallee verlief es etwas ruhiger. Ab 21.40 Uhr wurden die ersten Passanten abgefertigt. Als auch hier der Druck zu groß und die Trabikolonne immer länger wurde, öffnete man den Schlagbaum.


Anders die Lage am Übergang Friedrichstraße/Ecke Zimmerstraße („Checkpoint Charlie“). Hier versammelten sich auf der westlichen Seite der Mauer bis in den späten Abend rund 3.000 Menschen und forderten die Öffnung der Grenze. Gegen Mitternacht schließlich gaben die Grenzkontrolleure den Übergang frei. Kurz nach Mitternacht waren alle Grenzübergangsstellen Berlins offen, so auch Rudower Chaussee, Heinrich-Heine-Straße, Oberbaumbrücke, Chausseestraße und Invalidenstraße. Auch die Grenzkontrollpunkte an der innerdeutschen Grenze (Zarrentin, Helmstedt) und des Berliner Umlandes (Drewitz, Staaken, Stolpe) öffneten sich.


Bis 22.00 Uhr war es am Brandenburger Tor relativ ruhig. 45 Minuten später hatten sich jedoch etwa 500 Menschen auf der westlichen Seite eingefunden, die begannen, die Mauer mit Werkzeugen zu bearbeiten. Kurz vor Mitternacht erklommen immer mehr Menschen von beiden Seiten die Mauerkrone und skandierten „Die Mauer muss weg!“


Am 10. November, dem dritten Tag der 10. Tagung des SED-Zentralkomitees, erwähnte Egon Krenz in seiner Rede mit keinem Wort die Grenzöffnungen der vorangegangenen Nacht. Derweil verließen im Land die Menschen ihre Betriebe, um nach Westberlin oder in die Bundesrepublik zu reisen. Neue Grenzübergangsstellen wurden eingerichtet, um der großen Anzahl der Reisenden gerecht zu werden.


Bis zum Abend des 10. November erstieg eine immer größere Anzahl an Menschen die Mauer am Brandenburger Tor. Eine Eskalation drohte, als es am Morgen des 11. November einigen Personen gelang, ein Mauersegment zu Fall zu bringen. Den Grenzsoldaten gelang es, die Mauerkrone zu räumen und eine Kette zu bilden. Nicht weit vom Brandenburger Tor entfernt wurde schließlich ein weiterer provisorischer Übergang eingerichtet.


Die Berliner Mauer wurde in den folgenden Monaten abgetragen. Ein Teil wurde verkauft, ein Teil zerkleinert und als Baumaterial wieder verwendet.

Literatur

Hertle, Hans-Hermann: Chronik des Mauerfalls. Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989, 6. Aufl., Berlin 1997.

 

Mählert, Ulrich: Kleine Geschichte der DDR. 1949-1989, München 1998.

 

                                                                                                                       (gw)