Neue Parteien

Aus einigen Bürgerbewegungen und oppositionellen Gruppen des Herbstes 1989 formierten sich bereits gegen Ende des Jahres 1989 neue politische Parteien in der DDR. Die Sozialdemokratische Partei gründete sich schon am 7. Oktober 1989. Der politische Umbruch ermöglichte im Jahr 1990 die Bildung weiterer demokratischer Parteien in der DDR: der Demokratische Aufbruch, die Deutsche Soziale Union oder die Grüne Partei der DDR.

Im Sommer und Herbst 1989 machte die massenhafte Ausreise von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik Deutschland die Krise in der DDR deutlich. In der Hoffnung auf einen politischen Wandel, formierten sich 1989 verschiedene oppositionelle Gruppen, um an dem unvermeidlich erscheinenden Veränderungsprozess teilhaben zu können. Zunächst scheiterten, wie im Falle des Neuen Forums (NF), die Bemühungen dieser Gruppierungen an der Weigerung der DDR-Behörden, sie offiziell anzuerkennen. Nach einem Richtungswechsel in der Politik der Partei- und Staatsführung der DDR im Laufe des Herbstes 1989 wurden die neuen politischen Bewegungen aber als Gesprächspartner offiziell akzeptiert.

 

Manche der Gruppierungen, wie das Neue Forum, entschieden sich bewusst dafür, eine Bürgerbewegung zu bleiben, andere, wie die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP), wurden von Beginn an als Parteien gegründet. Der Demokratische Aufbruch konstituierte sich im Laufe des Jahres aus einer Bürgerbewegung zu einer Partei, weil die Mitglieder der Meinung waren, als Teil des politischen Systems besser an der Willensbildung mitwirken zu können.

In der politischen Diskussionsrunde „Donnerstag-Gespräch“ am 28. Dezember 1989 stellten Mitglieder die neu gegründeten Parteien im Fernsehen der DDR vor und erläuterten ihre Ziele. Marianne Dörfler, die Sprecherin der Grünen Partei der DDR erklärte, es gehe den Grünen um den Erhalt der Lebensgrundlagen: „Ökologische Fragen durchdringen sämtliche Bereiche des Lebens“ wie die Wirtschaft, Erziehungs- und Bildungspolitik, Frauenpolitik und das Gesundheitswesen. Um die natürlichen Lebensgrundlagen auch für kommende Generationen zu sichern, seien die Grünen für eine Wirtschaftsreform mit ökologisch begründeten Preisen und gegen eine Wegwerfgesellschaft nach westlichem Vorbild.

 

Für den Demokratischen Aufbruch sprach der stellvertretende Vorsitzende Erhart Neubert und erläuterte, dass ein wichtiges Ziel der Partei die Liberalisierung der Politik und der Wirtschaft sei. Der Demokratische Aufbruch sei eine soziale und ökologische Partei und das Spektrum der Mitglieder erstrecke sich von ökologisch bis liberal konservativ. Man habe sich als Partei konstituiert, um die Veränderungen in der DDR verantwortlich mitgestalten zu können.

Steffen Reiche, Pressesprecher und Vorstandsmitglied der SDP, erläuterte, dass ein Hauptgrund für die Verhältnisse in der DDR die Unterdrückung sozialdemokratischer Politik sei und die SDP deswegen Sozialdemokraten sammeln wolle. Wir meinen „dass es nur zu einer wirklichen Veränderung in der DDR kommen kann, wenn sozialdemokratische Politik wieder gemacht werden kann.“ Der Prozess der deutschen Einigung müsse in den Kontext eines europäischen Einigungsprozesses eingebunden werden. Darüber hinaus sei die SDP für eine ökologisch orientierte soziale Marktwirtschaft, gemischte Eigentumsformen und für die Trennung von Staat und Gesellschaft beziehungsweise die Trennung von Partei und Staat.

Eine Gemeinsamkeit in den Konzepten der Parteien war die starke Orientierung an ökologischen Fragen und die Betonung der Sozialgemeinschaft. Ebenso diskutiert wurde der Standpunkt der neuen Parteien zum Begriff „Sozialismus“ und das Verhältnis zu inhaltlich verwandten etablierten Parteien aus der Bundesrepublik.


Die Sozialdemokratische Partei in der DDR

"Aktuelle Kamera" vom 26.09.1990, Markus Meckel

Die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) gründete sich am 7. Oktober 1989, am Tag der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR, heimlich in Schwante bei Berlin. Unter den Gründungsmitgliedern befanden sich zahlreiche Theologen, so zum Beispiel Steffen Reiche, Martin Gutzeit und der spätere Außenminister im Kabinett de Maizière, Markus Meckel.

 

Im DDR-Fernsehen wurde über die SDP jedoch erst viel später berichtet. Weil das Fernsehen unter direkter Anleitung des für Agitation und Propaganda zuständigen Sekretärs des Politbüros der SED, Joachim Herrmann, stand, fanden die neuen politischen Kräfte zunächst kaum Erwähnung in diesem Medium.

Am 22. November 1989 hieß es schließlich in einer Verlese der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, dass der österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky einen Staatsbesuch in der DDR plane und dabei unter anderem Vertreter der SDP zu treffen beabsichtige.


Im Zuge des politischen Umbruchs im Herbst 1989 konnte die SDP öffentlich ihre politischen Positionen kundtun und sich als Partei etablieren.

 

Anfang Januar 1990 wurde das vorläufige Landesbüro in Berlin eröffnet. Die SDP sah sich als demokratische Volkspartei, offen für alle Bürger verschiedener Überzeugungen und Glaubensbekenntnisse.

Am 11. Januar 1990 informierte die Partei auf einer Pressekonferenz über das bevorstehende landesweite Treffen der Sozialdemokraten der DDR, in der das Grundsatzprogramm diskutiert und der für Februar geplante Parteitag vorbereitet werden sollte.

Täglich berichtete die „Aktuelle Kamera“ über die erste Landesdelegiertenkonferenz, nach dessen Beschluss die Partei ab dem 13. Januar 1990 die Abkürzung SPD führte, womit offiziell ein Bekenntnis zur „Schwesternpartei“ SPD (West) abgelegt wurde. Der Beschluss endete mit einer Erklärung, die auf eine deutsch-deutsche Einheit ausgerichtet war.

Am 29. Januar 1990 wurde der Mitbegründer der SDP, Walter Romberg, als Minister ohne Geschäftsbereich für die Übergangsregierung Hans Modrow nominiert.

Vom 22. bis 25. Februar, wenige Wochen vor der Volkskammerwahl, fand in Leipzig der erste ordentliche Parteitag der SPD statt, auf dem Ibrahim Böhme zum Parteivorsitzenden und Willy Brandt zum Ehrenvorsitzenden der SPD der DDR gewählt wurden.

Das Grundsatzprogramm der SPD (DDR), beschlossen am 25. Februar 1990, beinhaltete das Bekenntnis zu einer sozial und ökologisch ausgerichteten Marktwirtschaft, sowie einen Fahrplan zur deutschen Einheit.

 

Nach dem für die SPD enttäuschenden Wahlergebnis am 18. März 1990 von 21,9 Prozent einigte sich die Parteispitze auf Koalitionsverhandlungen mit dem Bund Freier Demokraten und der Allianz für Deutschland, die sich aus den Parteien der Christlich Demokratischen Union (CDU), der Deutschen Sozialen Union (DSU), und dem Demokratischen Aufbruch (DA) zusammensetzte. Zunächst hatte die SPD das Verhandlungsangebot der Allianz für eine Regierungskoalition im Beisein der DSU abgelehnt. Nach internen Debatten signalisierte sie jedoch Gesprächsbereitschaft. So berichtete die „Aktuelle Kamera“ am 03. April über ein erstes Koalitionsgespräch.

Am 11. April fand eine Pressekonferenz zum Abschluss der Koalitionsverhandlungen statt.

In diese Zeit fiel auch der Vorwurf,  Ibrahim Böhme, der Vorsitzende der SPD, sei langjähriger Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen. Am 2. April 1990 trat er von allen Ämtern zurück, obwohl er noch eine Woche zuvor in einer Pressekonferenz alle Vorwürfe dementiert hatte:

 

„Persönlich erkläre ich, dass ich zu keinem Zeitpunkt und über keine Person für das Ministerium für Staatssicherheit, in dem Ministerium für Staatssicherheit oder mit dem Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet, oder wissentlich Informationen an dieses weitergegeben habe“.

Markus Meckel, amtierender Parteivorsitzender, äußerte sich zunächst zu den Vorwürfen:

 

„Was hier stattfindet, ist eine Fortsetzung von Staatssicherheitsmethode. Wir haben zehn Jahre damit gelebt, dass Menschen in unserem näheren Umfeld durch Anschuldigungen und Gerüchte destabilisiert werden. Mein klares Votum auch in der Vergangenheit war, lieber von einem Freund enttäuscht werden, als ihm zu misstrauen“.

Es konnte in der Folge nachgewiesen werden, dass Böhme zwischen 1968 und 1989 unter verschiedenen Decknamen als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geführt wurde.

 

Nach Böhmes Rücktritt im April 1990 amtierte zunächst übergangsweise Markus Meckel als SPD-Parteivorsitzender. Am 9. Juni 1990 wurde schließlich Wolfgang Thierse auf dem Sonderparteitag in Halle zum Vorsitzenden gewählt.

Vom 12. April bis 20. August 1990 war die SPD im Kabinett Lothar de Maizière mit sechs Ministern vertreten, darunter Markus Meckel, Regine Hildebrandt und Walter Romberg.

Auf einem außerordentlichen Parteitag am 26. September 1990 in Berlin fand der Zusammenschluss mit der SPD der Bundesrepublik statt.

Der Demokratische Aufbruch

Am 21. November 1989 wurde in der „Aktuellen Kamera“ über den Demokratischen Aufbruch (DA) berichtet. Hier hieß es, dass BRD-Kanzleramtsminister Rudolf Seiters bei Gesprächen in Berlin unter anderem Vertreter der Bürgerbewegung getroffen habe.

Treffen der Verteidigungsminister in Straußberg am 15.06.1990, Rainer Eppelmann

Als Partei gründete sich der Demokratische Aufbruch am 16./17. Dezember 1989 in Leipzig, nachdem er zuvor schon als Bürgerbewegung existiert hatte. Zu den Mitgliedern gehörten Wolfgang Schnur, Friedrich Schorlemmer, Rudi Pahnke, Erhart Neubert sowie der spätere Verteidigungsminister der DDR Rainer Eppelmann und der spätere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke.

In einem Interview während des Gründungsparteitages vom 16./17. Dezember 1989 antwortete Friedrich Schorlemmer auf die Frage einer Journalistin zum Ziel dieses Parteitages:

 

„Eine Selbstklärung, denk’ ich, ob wir eine Partei werden, die mehr gelbe und blaue Farben hat, vielleicht auch schwarze dabei oder mehr rote und grüne. Die Selbstklärung ist, glaube ich, noch nicht vollzogen. Wir waren einmal mit etwas anderem angetreten, als wir jetzt in der Öffentlichkeit erscheinen. Es ist nicht ganz klar, was der Demokratische Aufbruch will, also, eine Sammelbewegung für alles, also eine Kraut- und Rüben-Partei? Also dass muss jetzt geklärt werden, denke ich. Ja, und möglicherweise kommt es ja auch zu dem ersten großen demokratischen Krach hier, mal sehen."

 

Noch bevor sich der DA zu einer Partei formierte, stand die Forderung nach einer sozialistischen Gesellschaftsordnung auf demokratischer Basis im Vordergrund ohne die Zweistaatlichkeit Deutschlands in Frage zu stellen. Doch bereits im Vorfeld des Parteitages entbrannte im DA ein Streit um die Sozial-, Wirtschafts- und Deutschlandpolitik. Zunehmend entwickelten sich die Parteiziele in eine liberal-konservative Ausrichtung.

Nach heftigen Debatten mit sprachlichen Entgleisungen verabschiedete der DA ein Programm, in dem sich die Partei zur sozialen Marktwirtschaft und zur deutschen Einheit bekannte. Wolfgang Schnur, der nur knapp einen Misstrauensantrag überstand, wurde im zweiten Wahlgang als Vorsitzender bestätigt. Rudi Pahnke verlies daraufhin den Saal.

Die konservative Ausrichtung des DA führte dazu, dass einige Mitglieder des „linken“ Flügels aus der Partei austraten. Rudi Pahnke verlies noch im Dezember den DA, Anfang Januar folgten weitere Mitglieder des „linken“ Flügels um Friedrich Schorlemmer, der zur SDP wechselte.

In der weiteren Ausdifferenzierung der politischen Ziele näherte sich der DA zunehmend der Ost-CDU an.

 

Für die ersten demokratischen Volkskammerwahlen der DDR im März 1990 ging der Demokratische Aufbruch daher mit der CDU und der Deutschen Sozialen Union (DSU) das Wahlbündnis „Allianz für Deutschland" ein. Die „Aktuelle Kamera“ informierte über ein Treffen, das am 5. Februar 1990 im Beisein von Bundeskanzler Helmut Kohl stattfand.  

Bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 wurde der DA mit 0,9 Prozent der schwächste Partner dieses Bündnisses.

 

Dem Parteivorsitzenden Wolfgang Schnur wurde kurz vor den Volkskammerwahlen eine langjährige Tätigkeit für das MfS vorgeworfen. Er trat am 14. März von dem Parteivorsitz zurück und wurde am 15. März aus der Partei ausgeschlossen.

 

Daraufhin wurde Rainer Eppelmann amtierender Vorsitzender. Am 4. August fusionierte der DA mit der CDU der DDR.

Für einige Mitglieder des DA begann die politische Karriere mit dem Engagement in dieser Partei. Das berühmteste Beispiel ist die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich Ende Dezember 1989 dem DA anschloss und im Februar 1990 die Öffentlichkeitsarbeit übernahm.

Die Deutsche Soziale Union (DSU)

Am 20.  Januar 1990 gründeten in Leipzig zwölf christliche, liberale und konservative Gruppen die Deutsche Soziale Union (DSU). Am Anfang positionierte sich die DSU zwischen der CSU und der CDU der Bundesrepublik. Mitbegründer waren unter anderem Peter-Michael Diestel, Hans-Wilhelm Ebeling und Hansjoachim Walther. Zum Vorsitzenden wurde Hans-Wilhelm Ebeling und zum Generalsekretär Peter-Michael Diestel gewählt.

Auf dem Parteitag am 18. Februar plädierte Ebeling für einen raschen Anschluss der DDR an die BRD nach Paragraph 23 des Grundgesetzes der BRD. Hansjoachim Walther, stellvertretender Parteivorsitzender der DSU, wurde auf dem Parteitag zum Spitzenkandidaten für die Wahl am 18. März 1990 nominiert.

Innerhalb der Reihe „Wahl 90. In eigener Sache“ vom 21. Februar 1990 stellen die Vertreter der DSU die Ziele und Inhalte ihrer Partei vor. Die DSU verstand sich als Volkspartei, die insbesondere Christen ansprechen wollte. Sie bezogen Position für die soziale Marktwirtschaft und gegen den Sozialismus.

Die DSU ging für die Volkskammerwahlen im März 1990 das Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“ mit der Ost-CDU und dem Demokratischen Aufbau ein. Bei der Wahl erreichte die DSU 6,3 Prozent der Stimmen und stellte mit Peter-Michael Diestel den stellvertretenden Ministerpräsidenten und Minister für innere Angelegenheiten der letzten DDR-Regierung. Hans-Wilhelm Ebeling wurde Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

"Aktuelle Kamera - AK am Abend" vom 30.06.1990, Peter-Michael Diestel auf dem Parteitag der DSU in Leipzig

Nach der Volkskammerwahl löste sich die DSU am 11. April 1990 wieder aus der Allianz für Deutschland.

Wegen zunehmenden rechtsradikalen Tendenzen innerhalb der DSU traten auf dem ersten ordentlichen Parteitag vom 30. Juni bis 1. Juli 1990 die Minister Diestel und Ebeling aus der DSU aus und wechselten zur CDU.

Bei den Landtagswahlen im Herbst 1990 erzielte die DSU lediglich noch zwischen 0,9 Prozent und 4,5 Prozent der Stimmen und konnte auch fortan keine deutlich höheren Wahlergebnisse auf Landesebene mehr erzielen.


Die Grüne Partei in der DDR

"Aktuelle Kamera" vom 04.12.1989, Marianne Birthler

Die offizielle Gründung der Grünen Partei erfolgte am 24. November 1989 in Ost-Berlin. Tags zuvor hatten sich auf dem 6. Berliner Ökologieseminar Teile der vorher nur locker organisierten grünen Bewegung der DDR konstituiert, um aktiver und mit mehr politischem Gewicht an den sich anbahnenden Veränderungen in der DDR teilnehmen zu können. Die Grünen waren eine junge Partei, deren Mitglieder zum Teil schon seit mehreren Jahren im Umwelt- und Naturschutz engagierten. Bekannte Mitglieder waren der spätere Ministerpräsident von Brandenburg Matthias Platzeck und die heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler.


Der Gründungsparteitag der Grünen Partei der DDR fand vom 9. bis 11. Februar 1990 in Halle statt. Dort sprach sich die Partei dafür aus, Fragen der Ökologie mit oberster Priorität zu behandeln. Eine schnelle Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik lehnte sie ab und bevorzugte eine selbstbestimmte und ökologische Entwicklung der DDR. Vera Lengsfeld (damals Wollenberger) wurde zur vorläufigen Pressesprecherin gewählt.

Die Grüne Partei ging für die Volkskammerwahl ein Wahlbündnis mit dem Unabhängigen Frauenverband (UFV) ein. Am 23. Februar 1990 berichtete die „Aktuelle Kamera“ in ihrer Hauptausgabe über die Pressekonferenz, auf der das Bündnis vorgestellt wurde.

Der Gründungskongress der UFV hatte ein paar Tage zuvor am 17. Februar 1990 in Ost-Berlin stattgefunden. Sprecherinnen des UFV waren Ina Merkel und Tatjana Böhm.

Ein Studiogespräch „In eigener Sache“ mit Vertretern des Wahlbündnisses wurde am 2. März 1990 um 19.50 Uhr im Fernsehen der DDR gesendet. Die Vertreter betonen in dieser Sendung die Bedeutung der Gleichstellung von Mann und Frau, das Bestreben, Renten anzugleichen und dass sie sich eine Koalitionsbildung nur unter Ausschluss der PDS vorstellen könnten.

"Aktuelle Kamera - AK zwo" vom 26.03.1990, Pressekonferenz des Unabhängigen Frauenverbandes

Das Wahlbündnis erreichte bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 1,97 Prozent Stimmanteil und damit acht Mandate. Innerhalb des Bündnisses kam es zum Streit um die Verteilung der Sitze. Alle Mandate fielen an die Grüne Partei. Der UFV zog sich daraufhin aus dem Wahlbündnis zurück. Die „AK zwo“ berichtete am 26. März über die Pressekonferenz, in der das Problem der Mandatsverteilung Thema war.

 

Die Grüne Partei bildete in der Volkskammer mit dem Bündnis 90 eine gemeinsame Fraktion.

Anfang September 1990, auf dem Sonderparteitag der Grünen Partei in Magdeburg, erfolgte die Umbenennung der Partei in „Die Grünen“. Es wurde der Beschluss gefasst, am 3. Dezember einen gemeinsamen Bundesverband mit der Partei „Die Grünen“ der Bundesrepublik zu bilden.


Die liberalen Parteien

Am 4. Februar 1990 gründete sich die Freie Demokratische Partei (F.D.P.) als neue Kraft im liberalen politischen Lager der DDR.

Die F.D.P. ging im Vorfeld der Volkskammerwahlen ein Wahlbündnis mit der Liberal-Demokratischen Partei (LDP), einer ehemaligen Blockpartei, und der Deutschen Forumpartei (DFP), einer Abspaltung des Neuen Forums, ein. Das Wahlbündnis nannte sich Bund Freier Demokraten (BFD) und wurde am 12. Februar 1990 von den Vorsitzenden der F.D.P. Bruno Menzel, der LDP Rainer Ortleb und der Deutschen Forumpartei (DFP) Günter Schmieder offiziell vereinbart.

Bei der Volkskammerwahl erzielte der BFD 5,28 Prozent Stimmanteil und hatte damit 21 Sitze in der Volkskammer der DDR.

Am 27. März nannte sich die LDP in Bund Freier Demokraten um. Einen Tag später schloss sich die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD), ebenfalls ehemalige Blockpartei, dem BFD an. Der BFD wurde Koalitionspartner in der Großen Koalition mit den Parteien CDU, DSU, DA und SPD und beteiligte sich somit an der Regierung.

Der BFD stellte drei Minister im Kabinett de Maizière: Manfred Preiß als Minister für Regionale und Kommunale Angelegenheiten, Axel Viehweger als Minister für Bauwesen, Städtebau und Wohnungswirtschaft und Kurt Wünsche als Justizminister.

 

Die Beteiligung des Bundes Freier Demokraten an der Regierung de Maizière verlief nicht ohne Konflikte. Am 24. Juli trat der BFD aus der Regierungskoalition aus, weil keine Einigung über den Beitrittstermin der DDR zur BRD und über den künftigen Wahlmodus erzielt wurde. Ihre Minister zog die Partei jedoch nicht zurück.

Auf personeller Ebene kam es zu Diskussionen um Justizminister Kurt Wünsche. Er war aufgrund seiner Vergangenheit als Minister der Justiz der DDR ein umstrittener Funktionsträger in der neuen DDR-Regierung. Wünsche trat am 3. Juli aus seiner Partei aus und führte bis zu seiner Entlassung am 16. August durch Ministerpräsident Lothar de Maizière parteilos sein Amt weiter.

 

Die Parteien BFD, F.D.P. und DFP bildeten in der Volkskammer die Fraktion der Liberalen. F.D.P. und DFP bestanden darauf, als eigenständige Parteien fort zu bestehen. Damit blieb die Trennung von ehemaliger Blockpartei und neuer politischer Kraft erhalten. Dies änderte sich am 11./12. August 1990 mit dem Beitritt der drei liberalen Parteien zur westdeutschen FDP auf dem FDP-Parteitag in Hannover.

 

Bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen am 2. Dezember 1990 erreichte die FDP 11 Prozent Stimmanteil und blieb damit als Koalitionspartner der CDU in der Regierung.

Sonstige Parteien

Im Januar 1990 wurde die  Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wieder gegründet. Ein prominentes Mitglied war der aus der SED ausgeschlossene Erich Honecker, aber auch der Chefkommentator des ehemaligen DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, und der 1957 als Revisionist verurteilte Wolfgang Harich schlossen sich der KPD an, die jedoch nur geringe Bedeutung erlangte. Die Partei sah sich in den Traditionen der KPD von Liebknecht und Luxemburg und bekannte sich ohne  Einschränkungen zu den Lehren von Marx, Engels und Lenin und zur kommunistischen Gesellschaft. Im Vorfeld der Volkskammerwahl stellte sich die KPD in eigener Sache im Fernsehen vor.

Zur Wahl am 18. März trat auch eine Listenvereinigung von mehreren Jugendverbänden AJL an. Auf der Liste kandidierten die Deutsche Jugendpartei (DJP), die Grüne Jugend (GJ), die Marxistische Jugendvereinigung Junge Linke (MJV) und auch die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Außerdem traten der Bund Sozialistischer Arbeiter – Deutsche Sektion der 4. Internationale, die Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands (SpAD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) an. Diese linken und linksextremen Gruppen konnten bei den Wahlen nur wenige Stimmen auf sich vereinen.

 

Eine der neuen Parteien war auch die eher skurrile Deutsche Biertrinker Union (DBU), die von Rostocker Studenten gegründete erste Spaßpartei auf dem Gebiet der DDR. Beim Wähler kam diese Partei allerdings nicht sonderlich gut an, lediglich 2.534 Stimmen erhielten sie am 18. März. In der Unterhaltungssendung „Im Krug zum grünen Kranze" vom 2. Oktober 1990 hatten Vertreter der Biertrinker Union die Gelegenheit, ihre Ziele zu erläutern.

So entstand seit der Grenzöffnung im November 1989 bis zu den Volkskammerwahlen im März 1990 eine völlig neue und vielfältige Parteien-Landschaft in der DDR. Anders als in Staaten, die über einen langen Zeitraum Erfahrungen im Aufbau von pluralistischen Parteien-Systemen sammeln konnten, war die Zeitspanne des Lernprozesses für die Menschen in der DDR sehr kurz. Das trotz mancher Probleme in dieser Kürze eine solche Veränderung geleistet wurde, war wohl der Ausdruck des starken Willens der Bürger zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel.

Literatur

Decker, Frank; Neu, Viola: Handbuch der deutschen Parteien, VS Verlag 2007.

 

Dowe, Dieter (Hg.): Von der Bürgerbewegung zur Partei. Die Gründung der Sozialdemokratie in der DDR, Diskussionsforum im Berliner Reichstag am 7. Oktober 1992 (Gesprächskreis Geschichte 2), Bonn 1992.

 

Grashoff, Udo (Hrsg.): Der Demokratische Aufbruch, Erfurt 2004.

 

Neubert, Erhart: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989 (Forschungen zur DDR-Gesellschaft), Berlin 1997.

 

Stephan, Gerd-Rüdiger u.a. (Hg.): Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch, Berlin 2002.

 

                                                                                                                       (ks/cj)